Der Reiz der Reife

Sophie Andrell 

Als Sarah die vertraute Melodie ihres Mobiltelefons wahrnahm, war sie überrascht. Wer würde sie um diese Uhrzeit anrufen? Etwa Fernando, weil er sich für seine lustigen Lügen entschuldigen wollte? Sarah hielt es zumindest nicht für ausgeschlossen. Manchmal geschahen eben doch noch kleine Wunder. Aber es war Konstantin. Der Konstantin, dessen große Liebe Andrea erst vor kurzem an den Folgen ihrer Krebserkrankung verstorben war. Sarah frohlockte.
„Hallo, Konstantin, grüß dich!“
Aber sie verstand nicht, was er in sein Handy sprach.
„Hallo? Hallo?“
„Ja was, hallo?“, polterte er unwirsch los. „Wo bist du denn?“
Genauso wie früher, dachte Sarah gleichgültig. Ohne jeglichen Respekt. Ganz der Gutsherr, den es nach seiner Magd gelüstet.
„Ich bin nicht in Berlin, ich bin erst im Dezember wieder da.“
Natürlich war er jetzt frustriert, denn alles, was er wollte, war sie zu vögeln, und zwar so schnell wie möglich, am besten noch heute Abend, schließlich kam gerade nichts Sehenswertes im Fernsehen. Sarah sah zur Uhr. In Deutschland war es jetzt halb acht am Abend. Kurz, nachdem er ohne ein weiteres Wort aufgelegt hatte, nahm sie ihr Handy und schrieb eine SMS an ihn:
„Meine Mutter hatte leider einen Unfall. Ich muss mich um sie kümmern. Bin ab dem 2.12. wieder in Berlin. Sarah“
So. Das musste genügen. Zwar stimmte weder das mit dem Unfall, noch, dass sie bei ihrer Mutter war, aber für den Zweck, den sie verfolgte, war es besser, wenn sie sein Mitgefühl erwecken würde.
Sie war nicht überrascht, dass er sich wieder bei seiner früheren Geliebten meldete. Sie kannte ihn. Jemand wie er hielt es nicht lange alleine aus und schon gar nicht ohne Sex. Warte nur, du verlogene Ratte, dachte sie grimmig. Diesmal wirst du die Zeche zahlen müssen.
Es ist ungefähr vier Jahre her, dass die beiden eine ebenso stürmische als auch, zumindest für Sarah, unbefriedigende Liaison unterhalten hatten. Ganze acht Monate, in denen sie der wohlhabende frühpensionierte Beamte auf jede erdenkliche Weise gedemütigt und missbraucht hatte.
War sie eine Masochistin? Beileibe nicht. Sarah liebte Sex in all seinen Facetten. Aber die junge Frau war mittellos. Genauer gesagt, sie war arm wie eine Kirchenmaus. Und Konstantin? Nachdem er von ihrer misslichen Lage erfahren hatte, nutzte er sie aus.
Sarah würde dem inzwischen neunundsechzigjährigen Träger eines Herzschrittmachers nie verzeihen, was er ihr angetan hatte. Sie war eine Löwin, und sie war stolz, sehr stolz. Sarah Feuerberg, mütterlicherseits Nachfahrin eines verarmten Raubritters, väterlicherseits eines Balkanzigeuners. In ihren Adern kochte die Lava, durch ihre Venen rasten Rasierklingen.

Fuerteventura diesmal. Die Nachbarinsel. Sarah war bereits seit zehn Tagen auf den Kanaren. So absurd es klingen mag, denn die heißblütige Frau liebte den sonnigen Süden, aber dieses Mal sehnte sie sich zurück ins winterkalte Berlin, wo sie ihren heimlichen Schwarm wähnte, Wiktor Weiß, WW, einen Mann wie aus dem Bilderbuch. Seine grau melierte Wuschelmähne war üppig, ganz im Gegensatz zu Konstantins verbliebenem Haarkranz. Obwohl er es vermieden hatte, sie direkt anzusehen, hatte sie seine Blicke bemerkt, auch wenn er schnell, beinahe scheu, wieder weggesehen hatte.
„Wir beide sind ja schon alt“, meinte er, auf sich und seinen Partner deutend.
„Wir könnten jeder ihr Vater sein“, bekräftigte der korpulente Anwalt mit dem Schweinsgesicht, den Sarah kaum aus den Augenwinkeln wahrnahm.
„Ach ja?“, strahlte sie stattdessen Wiktor Weiß an. „Wie alt sind sie denn?“
„Achtundsechzig“, sagte er beinahe flüsternd, fast entschuldigend.
Sarah lächelte entrückt. Die würzige Essenz der Reife, dachte sie verzückt, sagte aber nichts.
Plötzlich, beinahe über Nacht, waren die Schmetterlinge zu ihr geflogen gekommen. Sie hatte ein Fenster zu ihrem Herzen offen gelassen und sie hatten sich in ihrem Inneren breit gemacht. Sie waren überall, brummten und surrten und schlugen mit ihren winzigen Flügeln.
Eine Woche später sahen sie sich wieder. Auch dieses Mal war Bennartz dabei. Sarah war sich sicher. Sie hatte Wiktor gefallen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er beginnen würde, sie zu begehren.

Corralejo. Endlich schlief sie ein. Sie kuschelte sich in ihr Kissen und stellte sich vor, es wäre Wiktors kühler Körper, den sie in ihren Armen hielte. Ob er ihre Hitze aushalten würde? Ach, Wiktor! Versonnen streichelte sie das Kissen.

Wiktor hatte die Blicke der jungen Frau sehr wohl bemerkt. Er spürte das Feuer, das in ihren dunklen Augen schimmerte. Aber er musste zurück nach Hamburg, wo Clara und die Kinder sicher schon auf ihn warteten.

Dann war er da. Hamburg-Winterstude. Sein Haus. Vivien, der kleine Wirbelwind, hüpfte ihm auf den Schoß.
„Papa! Papa!“
„Krieg ich etwa keinen Kuss?“
„Ach, du meine Kleine!“
Zärtlich strich er der Vierjährigen durch ihr dunkles, lockiges Haar.
Sein Sohn Vince war in seinem Zimmer. Der Achtjährige würdigte seinen Vater keines Blickes, als er sein Jungenzimmer betrat.
„Na Großer? Keine Hausaufgaben?“
Der schlaksige Junge sah nicht einmal von seiner Spielekonsole auf. Schmunzelnd verließ Wiktor den Raum.
Seine Frau begrüßte ihn mit einem Kuss.
„Ich hab dich vermisst!“
„Ich dich auch!“
Er entwand sich aus ihrer Umarmung. Flüchtig dachte er an Sarah Feuerberg. Dann verscheuchte er den Gedanken schnell.
Später, als die Kinder im Bett waren, sahen sie gemeinsam Tatort. Clara schmiegte sich an ihn. Er streichelte ihr feines, blondes Haar. Nach dem Krimi gingen sie sofort ins Bett und liebten sich lange und zärtlich. Am nächsten Morgen gab es keinen Gedanken an Sarah mehr in seinem Kopf.

Zur selben Zeit saß Sarah auf ihrem Balkon im Hotel Almeria in Jandia. Sie betrachtete Wiktors Konterfei auf ihrem Tablet-PC. Ob er wohl gut küsst? Bestimmt. Sie stellte sich vor, wie seine Lippen sanft die ihren berührten. Sie schloss die Augen und zerwühlte im Kuss sein Wuschelhaar.
„Ist das nicht verboten?“, murmelte er mit geschlossenen Augen.
„Und wenn schon!“, flüsterte Sarah zurück. Dann sanken sie miteinander in das weiße Laken.

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