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Wie die Pornographie

(und der Kommunismus) in die Welt kamen...

Der in Deutschland mittlerweile kaum noch bekannte französische Autor Rétif de la Bretonne (1734-1806), von seinen Zeitgenossen auch als „Rousseau der Gosse“ bezeichnet, wird geistesgeschichtlich völlig unterschätzt. Erst wurde er als Vielschreiber pornographischer Literatur belächelt, dann von Krafft-Ebing als Namenspatron für den Schuhfetischismus ausgewählt. War Bretonne im 18. Jahrhundert und noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein vielgelesener Autor, der zudem wegen einzelner Texte als bedeutender Vertreter des Naturalismus gewürdigte wurde, wird sein Name seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert nur noch vereinzelt in literaturwissenschaftlichen Gesamtdarstellungen genannt.

Bretonnes Romane und Erzählungen, die er um Zeit zu sparen, gleich in den Setzkasten schrieb, entbehren einer gewissen Qualität – sieht man vielleicht von seiner Chronik der Revolutionsperiode („Die Nächte von Paris“) ab, in der er sich anderen Themen als dem Sex zuwendet. Monoton reihen sich ansonsten die Kopulationsszenen aneinander – rauf, rein, runter, nächste Frau. In seinen autobiographisch geprägten Texten prahlt er damit, dass er bereits mit 12 seine Unschuld verloren habe, und dass die Geschichten auf eigenen Erfahrungen beruhen würden. Unter diesem Aspekt wäre er nur einer unter vielen, aber er hat auch andere Facetten zu bieten.

Denn sprachgeschichtlich kann man den Rétif de la Bretonne als Wortschöpfer betrachten. In seinem 1784 verfassten Werk „Monsieur Nicolas“ beschreibt er eine Form des Agrarkommunismus, den er dann auch mit dem Begriff „Kommunismus“ belegt. In der Ideengeschichte gilt er daher als erster Autor, der diesen Begriff für ein sozialistisches Gesellschaftsmodell gebraucht. Daher wird er auch in einzelnen Gesamtdarstellungen der Entwicklung des Sozialismus zitiert. Ob Karl Marx ihn auch gelesen hat – wie sein Landsmann Friedrich Schiller, dessen Lektüre Bretonnes belegt ist – bleibt dahingestellt.

Ein weiterer Begriff, den die französische Sprache ihm verdankt, ist derjenige der Pornographie bzw. des Pornographen. Der Begriff „Pornographie“ existierte zwar bereits vor ihm, erhielt aber durch ihn seine Bedeutung als Terminus für eine literarische Gattung. In seinem als Briefroman aufgezogenen Werk „Le Pornographe ou La prostititution reformée“ (1769, dt.: „Der Pornograph – oder die reformierte Prostitution) verwendet er den Begriff des Pornographen erstmalig. Wie der Untertitel schon aussagt, widmet er das Werk dem Thema der Reformation und Regulation der Prostitution. Daher auch der Begriff – pornê auf altgriechisch heißt Prostituierte, graphein ist mit schreiben zu übersetzen. Pornographie bezeichnet also die Beschreibung / Thematisierung von Prostitution.

Im dritten Brief seines Protagonisten d'Alzan heißt es: „Je te vous sourire: le nom demi-barbare de Pornographe erre sur tes lèvres“ (dt.: „Ich sehe Sie lächeln, der halb-barbarische Begriff vom Pornograph schwirrt auf deinen Lippen.“). Damit leitet er in seinem Briefroman seine Reformpläne ein – „La Pornognomie“, worunter er die örtliche Regelung der Prostitution versteht. Auch der Petit Robert, ein französisches Standardwörterbuch, datiert den Begriff „Pornograph“ etymologisch auf die Erscheinung des Bretonneschen Werkes.

Rétif de la Bretonne zeigt in diesem Text wieder einmal seine moralphilosophische Seite, die ihn nicht am Verfassen pornographischer und erotischer Literatur hindert. Ihm geht es um eine staatliche, sehr minutiös geplante Regulierung der Prostitution, um die Lebensbedingungen von Prostituierten und auch ihrer Kinder zu verbessern. Der Text entbehrt gerade vor dem aktuellen politischen Diskurs in Frankreich, der auf eine Eindämmung der Prostitution durch Kriminalisierung von Freiern hinausläuft, nicht einer gewissen Brisanz. Vielleicht ein guter Grund, auch mal einen Blick in seine Werke zu werfen, die bislang nur partiell ins Deutsche übersetzt wurden.

Maurice Schuhmann

Literaturempfehlung:
Restif de La Bretonne: Le pornographe ou La prostitution reformée, Mille et une nuit Paris 2003 (ISBN: 2-842-05747-3).

 

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